25. September 2026

Scham ist keine Therapie

Die Einlagen landen unauffällig zwischen Zahnpasta und Duschgel im Einkaufswagen. Vor dem Ausflug wird die Route nach Toiletten geplant, und beim Hausarzt kommt das Thema nie zur Sprache. Wer ungewollt Urin oder Stuhl verliert, schweigt oft lieber, manchmal über Jahre. Dabei gibt es in der Region eine spezialisierte Anlaufstelle: Im Beckenbodenzentrum Starnberg-Penzberg arbeiten Gynäkologie, Urologie und Enddarmchirurgie zusammen. Das Zentrum ist jetzt zum zweiten Mal als Komplexversorger zertifiziert worden, auf der höheren von zwei möglichen Stufen.

 

„Inkontinenz ist kein Makel, sondern eine Erkrankung. Und von allein verschwindet sie selten“, sagt Dr. med. Valerie Meister, Oberärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum Starnberg und Koordinatorin des Zentrums. „Inkontinenz ist kein Makel, sondern eine Erkrankung. Und ohne Behandlung wird sie meist nicht besser, sondern schlechter.“

 

Selten sind die Beschwerden nicht. Nach Angaben der Deutschen Kontinenz Gesellschaft sind in Deutschland rund zehn Millionen Menschen von Harn- oder Stuhlinkontinenz betroffen, etwa die Hälfte von ihnen von Stuhlinkontinenz. Gut die Hälfte der Betroffenen spricht laut der Fachgesellschaft nicht einmal mit der eigenen Familie darüber. Frauen trifft es häufiger, oft nach Schwangerschaften und Geburten. Bei Männern steckt oft die Prostata dahinter, etwa eine Vergrößerung oder eine Operation.

Behandeln heißt nicht gleich operieren

 

Die Behandlung beginnt meist ohne Operation. Bei der Belastungsinkontinenz geht beim Husten, Lachen oder Heben Urin verloren. Dagegen hilft häufig gezieltes Beckenbodentraining bei speziell ausgebildeten Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten. Frauen kann außerdem ein Pessar helfen, ein kleiner Stützkörper, der in die Vagina eingesetzt wird. Auch Männer, die nach einer Prostataoperation Urin verlieren, beginnen meist mit Beckenbodentraining. Reicht das nicht, kommen operative Verfahren infrage.

 

Gegen plötzlichen, kaum beherrschbaren Harndrang gibt es Medikamente, Elektrostimulation oder Botox-Injektionen in die Blase. Auch bei einer Stuhlinkontinenz beginnt die Therapie konservativ: Zuerst wird der Stuhl über Ernährung und Medikamente reguliert, dazu kommen Beckenbodentraining und Biofeedback. Operiert wird meist erst, wenn das nicht reicht.

 

Drei Fachrichtungen, ein Tisch

 

Der Beckenboden trägt Blase und Enddarm, bei Frauen auch die Gebärmutter. Deshalb halten sich die Beschwerden nicht immer an die Grenzen eines Fachs. Alle sechs Wochen setzen sich Gynäkologie, Urologie und Enddarmchirurgie zusammen, abwechselnd in Starnberg und Penzberg, gemeinsam mit Radiologie, Physiotherapie und Urotherapie. Wo es nötig ist, operieren sie auch gemeinsam.

 

Ob das funktioniert, haben externe Auditorinnen und Auditoren Ende Juni vor Ort geprüft. Die Stufe „Komplexversorger“ verlangt mehr Erfahrung, gemessen an Fallzahlen, und höhere Qualifikationen als die Basisstufe. Hervorgehoben haben die Prüfer vor allem die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg.

 

Das zahlt sich gerade bei Beschwerden aus, über die noch seltener gesprochen wird als über eine schwache Blase: Stuhlinkontinenz, Probleme bei der Stuhlentleerung oder ein Vorfall am After oder des Enddarms. In der Enddarmchirurgie arbeiten dafür inzwischen drei Viszeralchirurgen mit der Zusatzbezeichnung Proktologie. „Wer den Stuhl nicht halten kann oder einen Vorfall des Enddarms hat, traut sich oft am wenigsten, darüber zu reden“, sagt Dr. med. Susanne Rogers, Chefärztin der Allgemein- und Viszeralchirurgie und stellvertretende Leiterin des Beckenbodenzentrums. „Dabei können wir gerade hier viel tun.“

 

Eine der Möglichkeiten ist die sakrale Neuromodulation, auch Blasenschrittmacher genannt, die Gynäkologie und Enddarmchirurgie gemeinsam eingeführt haben. Sie kommt bei einer überaktiven Blase ebenso infrage wie bei einer Stuhlinkontinenz, wenn andere Behandlungen nicht geholfen haben. Ein kleines Gerät unter der Haut gibt über eine feine Elektrode am Kreuzbein schwache Impulse an die Nerven, die Blase und Enddarm steuern. Ob das Verfahren wirkt, wird vorher in einer Testphase geprüft.

 

Der Weg ins Zentrum führt über drei Türen: je nach Beschwerden über das Sekretariat der Frauenklinik, der Urologie oder der Allgemein- und Viszeralchirurgie. „Was für Betroffene peinlich ist, ist für uns Alltag“, sagt Meister. „Das Schwerste ist meistens der erste Anruf.“

 

Infokasten: Wann Sie sich untersuchen lassen sollten

 

·        Sie verlieren beim Husten, Niesen, Lachen oder beim Sport Urin.

·        Der Harndrang kommt plötzlich und so stark, dass Sie es nicht rechtzeitig zur Toilette schaffen.

·        Sie müssen auffallend häufig zur Toilette.

·        Sie können Stuhl oder Winde nicht sicher halten.

·        Der Stuhlgang gelingt nur mit Mühe oder unvollständig

·        Sie spüren ein Druck- oder Fremdkörpergefühl in der Scheide oder am After (möglicher Hinweis auf einen Vorfall)

So erreichen Sie das Beckenbodenzentrum Starnberg-Penzberg

·        Blasenschwäche oder Senkungsbeschwerden bei Frauen: Sekretariat der Frauenklinik, 08151/18-2310

·        Stuhlinkontinenz, Probleme bei der Stuhlentleerung, Vorfall am After oder des Enddarms: Sekretariat der Allgemein- und Viszeralchirurgie, 08151/18-2173

·        Harninkontinenz beim Mann, Blasenentleerungsstörungen: Sekretariat der Urologie, 08151/18-2347

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