Wenn Lernen plötzlich Verantwortung heißt
Es sind diese Momente, die bleiben. Wenn plötzlich nicht mehr jemand anderes entscheidet, sondern man selbst. Wenn ein Arzt eine Frage stellt – und die Antwort nicht mehr im Hintergrund gedacht wird, sondern laut ausgesprochen werden muss. „Früher stand ich in solchen Situationen daneben“, sagt Oliver Radomski, 25. „Jetzt merke ich: Es kommt auf mich an.“
Radomski ist einer von zwei Auszubildenden, die in diesem Jahr die Leitung der interprofessionellen Ausbildungsstation Starnberg – kurz IPSTA – am Klinikum Starnberg übernehmen. Gemeinsam mit der 19-jährigen Melina Schäfer trägt er für drei Wochen Verantwortung auf der chirurgischen Station A3. Ein Lernort, der bewusst nah an der klinischen Realität gestaltet ist.
Ein Projekt, das gewachsen ist
Zum siebten Mal findet das Projekt statt, erstmals in diesem Setting: Vier Fachbereiche – Viszeral- und Thoraxchirurgie, Endokrine Chirurgie, Gastroenterologie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde – kommen auf der Station zusammen. Für die insgesamt 40 Auszubildenden, die bei IPSTA mitwirken bedeutet das: ein breites Spektrum an Krankheitsbildern, Patientinnen und Patienten jeden Alters – und ein Alltag, der selten planbar ist.
„Die A3 ist unglaublich vielfältig“, sagt Schäfer. „Gerade das macht es so spannend – und auch herausfordernd.“ Dass sie diese Herausforderung sucht, war für sie von Anfang an klar. „Ich wollte das unbedingt machen, weil man hier Erfahrungen sammelt, die man so im normalen Ausbildungsalltag nicht bekommt.“
Ein Team, das erst zusammenfinden muss
Der Weg dorthin führt nicht automatisch auf die Station. Wer eine Leitungsrolle bei IPSTA übernehmen will, muss sich bewerben – inklusive Auswahlgespräch. Schon Wochen vorher planen die Teams Dienstpläne, strukturieren Abläufe und stimmen sich ab. Und doch fühlt sich der Start oft neu an. „Am Anfang war es tatsächlich ziemlich chaotisch“, erzählt Radomski. „Wir sind zwei Klassen, viele kannten sich noch gar nicht. Da braucht es Zeit, bis sich ein Team findet – wie Übergaben laufen, wer welche Rolle übernimmt.“ Auch Schäfer beschreibt diese Anfangsphase als Balanceakt: „Ich neige dazu, Menschen zunächst zu überschätzen. Aber mit der Zeit entsteht Struktur – und man wächst als Team zusammen.“
Wenn aus Zuschauen Verantwortung wird
Genau darum geht es bei IPSTA: um Zusammenarbeit, die nicht theoretisch bleibt. Pflege-Auszubildende, Physiotherapie und Medizinstudierende im Praktischen Jahr arbeiten Hand in Hand – planen Visiten, besprechen Fälle, organisieren Abläufe. Was sonst oft nebeneinander geschieht, wird hier bewusst miteinander gedacht. „Man merkt plötzlich, wie Zusammenarbeit wirklich funktionieren kann“, sagt Schäfer.
Begleitet wird das Projekt von erfahrenen Praxisanleiterinnen und -anleitern sowie den Teams der beteiligten Fachbereiche. Sie bleiben im Hintergrund präsent, greifen ein, wenn es nötig ist – und lassen gleichzeitig Raum für eigene Entscheidungen. „Unser Ziel ist es, den Auszubildenden ein möglichst realistisches Bild ihres späteren Berufs zu vermitteln – mit Verantwortung, aber auch mit der Sicherheit eines starken Teams im Rücken“, sagt Vita Jakupi, Teamleitung der Zentralen Praxisanleitung und Projektleiterin von IPSTA.
Der Schritt ins Berufsleben
Dass junge Menschen kurz vor dem Examen diese Rolle übernehmen, sei alles andere als selbstverständlich. „Ich bin sehr beeindruckt von Frau Schäfer und Herrn Radomski. Gerade in dieser intensiven Phase der Ausbildung eine Leitungsfunktion zu übernehmen, verdient großen Respekt.“ Für Radomski sind es genau diese Erfahrungen, die bleiben werden. „Dieses Gefühl, dass der klopfende Affe im Kopf plötzlich weg ist“, sagt er und lächelt. „Dass man merkt: Ich kann das. Und ich werde gebraucht.“